Selbst nach diesem ungeheuerlichen Auftritt Trumps, dem Hofieren Putins und der Diskreditierung der gesamten Ukraine, die sich gegen einen Überfall mit unzähligen Opfern wehrt, wird das ach so menschenfreundliche, pazifistische Gesülze nicht eingestellt. "Im Herzen sei sie noch immer Pazifistin" schreibt etwa @mimrma (auf mastodon). Wer denn nicht? welcher einigermaßen vernünftige Mensch wünscht sich Krieg, Mord und Totschlag?
Wütend macht dabei die implizite Unterstellung, dass alle diejenigen, die die Ukraine in ihrem Abwehrkampf unterstützen, keinen Frieden wollten, Kriegstreiber, Militaristen seien. Während die Couchpazifisten sich selbstgefällig als die "Guten" präsentieren, die sich moralisch erhaben um den Weltfrieden Gedanken machen. Aber Pazifismus funktioniert (wenn überhaupt) nur dort, wo a) derjenige, der diese Position vertritt, ein gerüttelt Maß an Macht besitzt und b) die am Konflikt Beteiligten sich zumindest ansatzweise zu so etwas wie den Menschenrechten bekennen. - Deshalb war der Pazifismus eines Bertrand Russel oder Albert Einstein im Ersten Weltkrieg nachvollziehbar, ebenso folgerichtig aber haben beide ihre diesbezügliche Haltung im Zweiten Weltkrieg aufgegeben. Denn die einzige Chance des Pazifismus hätte nun darin bestanden, dass sich Hitler und Stalin angesichts von so viel Menschenfreundlichkeit totgelacht hätten.
Pazifismus funktioniert einzig in einer Gesellschaft, die Gewalt _nicht_ als ein legitimes Mittel betrachtet, Konflikte zu lösen; die Betrug, Lüge und persönlichen oder Gruppenegoismus ablehnt. Wie in den Experimenten von Robert Axelrod (https://de.wikipedia.org/wiki/Tit_for_Tat) gezeigt wurde, ist es durchaus vernünftig, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten und dem Gegenüber einen Vertrauensvorschuss zu erteilen (ev. sogar doppelt): Aber nicht ad infinitum.
Wenn die pazifistische Grundhaltung nicht von den maßgeblichen Parteien geteilt wird, spielt sie jenen in die Karten, die ihre Agenda mit Gewalt und Täuschung durchzusetzen beabsichtigen. Sie ist unmenschlich und liefert zumeist eine bestimmte Gruppe dem Schicksal aus (dieser Gruppe pflegen die Pazifisten selbst im Regelfall nicht anzugehören). Im vorliegenden Fall: Ein paar tote Ukrainer, ein paar Millionen bald in Diktatur lebender Menschen nimmt man hin.
Allerdings - mit welchem Recht? Und wie könnte der auf diese Weise die anderen opfernde Pazifist selbst je auf Hilfe rekurrieren? Ich bin gegen jeden Krieg, gegen jede Gewalt (wie oben erwähnt - wer nicht?). Aber ich bin auch für Freiheit, für das Recht auf Selbstschutz, Selbstverteidigung für größtmögliche Unterstützung des Opfers. Und die Warnung vor Eskalation, der Gefahr eines größeren Konflikts: Die Angst vor Verlust der eigenen Annehmlichkeiten.
Für diese darf man schon ein paar Ostukrainer opfern, man selbst ist ja keiner. Für die dort Lebenden (und Toten) hat die Eskalation längst stattgefunden. Aber deren Leben und Dasein wird offenbar als weniger wertvoll angesehen als das eigene, weshalb man es mit der Hilfe ja nicht zu weit treiben soll: Bestenfalls liefert man alte Waffenbestände und ein paar Helme, um das eigene Gewissen zu beruhigen und den Angreifer ja nicht zu verärgen.
Nur schön die Distanz wahren und den Betroffenen aus der Ferne gute Ratschläge erteilen, was sie zu tun und zu unterlassen haben; ihnen wortreich erklären, weshalb das mit der Hilfe gerade jetzt nicht so günstig wäre. Dann noch eine Runde Betroffenheit heucheln, sich nach einem Blick in den Spiegel seiner moralisch-pazifistischen Integrität versichern und vor dem Einschlafen ein Gläschen Wein und eine Netflix-Serie: Man muss sich auch mal was gönnen bei dieser furchtbaren Weltlage.