Viele meiner Bücher habe ich gebraucht erworben: Anfangs auf Flohmärkten, nun auf diversen Verkaufsplattformen im Internet. Schon aus finanziellen Gründen wäre das anders gar nicht möglich gewesen, ich hätte (Daume mal pi) mehr als 250 000 Euro investieren müssen. Und wenn auch (relativ selten) fast unbrauchbare, zerfledderte Exemplare dabei waren, so gibt es auch Bücher mit Geschichte, mit eingelegten Zetteln, Anmerkungen (oft - und zum Glück - nur auf den ersten paar Seiten), sogar Zeichnungen.
Gerade eben habe ich Doderers "Die erleuchteten Fenster oder Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal" in einer Taschenbuchausgabe von 1966 gelesen. Recht guter Zustand, aber als literarischer Treppenwitz im Inneren dreimal die blassgrüne Stampiglie (Fraktur) "Eigentum v. Johannes Schmidt" - ganz vorne, dann penibel nach je 50 Seiten. Einmal - zufällig? - genau dort, wo Doderer seinen Amtsrat die "Durchführungsvorschrift zu den Bestimmungen der Dienstpragmatik über die Außerdienststellung (§§ 71 ff. und 179)" aufschlagen lässt. Wer war Johannes Schmidt - und ist es vorstellbar, dass er kein Beamter gewesen ist? Kein Zihaloid?
Warum schafft man sich einen eigenen Stempel (nur? für Bücher) an? Dass man seinen Namen reinschreibt - nunja, wer Bücher verborgt, kennt den Grund. Ein schönes Ex-Libris - auch irgendwie nachvollziehbar. Aber ein Stempel (fehlte nur noch das Wappen, wirkte aber auch so höchst offiziell) - und dies nach allen weiteren 50 Seiten, hier hat wohl einer wirklich seine eigene Dienstpragmatik entworfen. Ich wüsste gerne, wer Johannes Schmidt war - aber ich bin mir nicht sicher, ob ich über einen intensiveren persönlichen Kontakt erfreut wäre.
Das passt doch: Meine Lektüre des Romans liegt schon über 2 Jahrhzehnte zurück, aber ich erinnere mich, dass der Text eine beamtenhafte Spießigkeit mit einer außerordentlichen literarischen Qualität und sprachlicher Originalität vereint. Eine rare Möglichkeit für spießige Beamte, sich der literarischen Elite nahe zu fühlen. Das mag Ihrem offensichtlich zwanghaften Johannes Schmidt gefallen haben.