Schach und die argumentativen Fallstricke vor und in Zeiten des Internets
Vor etwa 40 Jahren in einem Schachcafe, zwei pensionierte Herren sitzen einander gegenüber - wie jeden Tag. Und man parliert, diskutiert und gerät schließlich und endlich in einen Disput über die Frage, wie lange wohl das Licht der Sonne brauche, um an diesem Vormittag zur angelegentlichen Be- und Erleuchtung beizutragen. Amtsrat B., seines Zeichens begnadeter Leserbriefschreiber (für die Jüngeren: Eine Form von Twitter in Tageszeitungen) und von seinen umfassend naturwissenschaftlichen Kenntnissen zutiefst überzeugt, plädiert für etwa 14 Tage, während Herr T. der festen Überzeugung Ausdruck verleiht, dass die inkriminierten Photonen noch nicht mal 10 Minuten für diese Reise benötigen würden. Und weil dem Amtsrat partietechnisch wenig Erfolg beschieden war, bestand er nun vehement auf den behaupteten zwei Wochen, zieh T. der Unbildung und begab sich behufs Belegung seiner Ansicht nach Hause, um das mehrbändige Lexikon zu befragen.

Es war die allerletzte Partie zwischen den beiden (von sicher Tausenden), der Amtsrat wurde weder an diesem Tag noch später in jenem Lokal wieder gesehen. Und ich erzähle diese Anekdote, weil ich selbst vor kurzer Zeit behauptete, dass man in Zeiten von Internet und allüberall verfügbaren Handys für die Streitbeilegung nicht mehr den Weg in die eigene Wohnung antreten hätte müssen, eine Entscheidung vor Ort sollte möglich, vielleicht auch weniger frustrierend sein für denjenigen, der da sein vermeintliches Wissen all zu selbstsicher vorträgt.

Aber diese meine Annahme war falsch. Der Herr Amtsrat B., von den Toten auferstanden (unsterblicher Typus) argumentiert heute (bzw. gestern, wie ich mehr-weniger unabsichtlich zur Kenntnis nehmen musste, da man ob einer ähnlich wichtigen Streitfrage die Stimmen zusehends erhob) auf umfassend kritizistische Weise: Auch die Wikipedia sei selbstredend unzuverlässig (wie andere Seiten, die das dort Geschriebene bestätigten) und der wirklich kritische Geist (der Sprecher) ziehe selbstredend alles in Zweifel, was er denn auch anderen anempfehlen würde, die da völlig unbeleckt von allen Bedenken dem Internet zu großes Vertrauen entgegenbrächten. Er habe also Recht, trotzdem und dennoch. Und nicht nur das: Alle anderen seien leichtgläubig und mögen in ihm ein leuchtendes Beispiel sehen für einen alles prüfenden Geist, dessen Skepsis seiner intellektuellen Redlchkeit das höchste Zeugnis ausstelle (naja, ganz so elaboriert hat er sich nicht ausgedrückt, aber durchaus in diesem Sinne). Wie man mir anschließend - wenig überraschend - mitteilte, gehörte der Betreffende ansonsten eher der Fraktion "hab ich im Netz gelesen - ist daher wahr" an.

Alois Brandstetter lässt seinen Erzähler in "Zu Lasten der Briefträger" bezüglich fragwürdiger Argumentationen eine auch sprechakttheoretisch bedeutsame Aussage treffen: "Lieber Postmeister, deine Briefträger lügen die Wahrheit". Dem lag die Argumentation eines der Postboten zugrunde, der - weil auf die unzuverlässige Zustellung angesprochen und warum er sich nicht motorisiere, damit der Beschwerdeführer wenigstens einmal pro Woche am Haus desselben erscheinen und die Post zustellen möge, antwortete, dass der Verkehr an sich und im besonderen zu große Gefahren für Leib und Seele berge - und behufs der Richtigkeit dieser Behauptung die zahlreichen Toten bei Automobilrennen anführte. Die Argumentation des Internetskeptikers, mit einer durchaus richtigen Feststellung den eigenen Blödsinn (bzw. die Blödheit) zu rechtfertigen, hat also Vorbilder.

Resume des Ganzen: Früher war doch alles besser. Denn der weit über seine Heimatstadt hinaus bekannte Leserbriefschreiber und Amtsrat a. D. schien an dem ihm von seinem Lexikon mitgeteilten Sachverhalt keine Zweifel zu hegen, er hat nicht die Loriotsche Steinlaus aus dem Pschyrembel für die Unzuverlässigkeit aller Lexika in Geltung gebracht. Er hat sich geschämt und auf die vielgeliebte vormittägliche Schachpartie Verzicht geleistet. Ein nicht geringes Opfer - für ihn, der Schachwelt ist kein großer Geist abhanden gekommen: Als wir (ach, wir waren jung) einstmals zu unserem Gaudium ein Schachbrett - schön aufgestellt, nur um 90 Grad verdreht, dem Amtsrat und seinem Gegner zur angelegentlichen Benutzung überließen (Schachspieler, die derlei nicht kennen, mögen einen Selbstversuch machen: Es beginnt sich im Kopf alsbald alles zu drehen), waren die Kontrahenten weit entfernt davon, die etwas seltsame Aufstellung zu durchschauen (einzig bei der Rochade wurden sie nachdenklich).