Ungarn, Orban und der kleine Mann ...
Ich kann ja mit ein bisschen guten Willen über die österreichisch-ungarische Grenze spucken von meinem Grundstück aus. Bleiben Dialoge nicht ganz aus. Und ein Gespräch mag beispielhaft sein - nicht nur für Ungarn, sondern ganz allgemein.

Er sei kein Orban-Fan, aber (diese "aber" gibt's in vielen Variationen) der schaue doch auf Ungarn. Ich erstaunt - Ungarn ist beinahe schon wirtschaftliches EU-Schlusslicht. Er räumt ein - ja, die Korruption. Doch wegen der Ausländer aus dem Nahen Osten, da sei er schon froh, dass die sein Land nicht überschwemmen würden.

Ich: Ungarn soll also nicht wie Österreich werden?
Er: ??
I: Naja, Österreich hat 2015 proportional am meisten Flüchlinge aufgenommen.
Er (verwirrt): Aber in Ungarn, da wäre es schwierig ... irgendwie ...
Ich: Also - es ist besser bei euch als bei uns hier? Weil nirgendwo Flüchtlinge aus dem Nahen Osten? Andererseits komme er nach Österreich, um hier zu arbeiten.
Er: Grinst ein bisschen verlegen.
Ich (bemüht ernsthaft): Kein Problem, ich bin alles andere als ein Ausländerhasser.
Er: Das habe er gar nicht gemeint, sondern ...
Ich: Was er gemeint habe? Also er wähle Orban, damit Ungarn von Muslimen verschont bleibe. Und komme nach Österreich, wo es derer viel gibt, weil die wirtschaftliche Lage in Ungarn beschissen ist. Und arbeite trotz dieser Ausländerflut in Österreich, weil er hier sehr viel besser verdiene. Und wähle in Ungarn jemanden, damit in Ungarn alles so bleibt wie es ist. Ob das nicht irgendwie ein Widerspruch ist?
Er: Das sei nicht ganz zu vergleichen, weil ...
Ich: Weil?
Er: Naja, Österreich war ja immer schon im Westen. Da war es immer besser.
Ich: Ja, stimmt schon. Aber Ungarn war früher die Nummer 1 im Ostblock. Wirtschaftlich. Jetzt Vorletzter. Mit Orban und ohne Muslime. Ob ihm das nicht zu denken gäbe?
Er: Schon, irgendwie, weil, es wäre ja wirklich schlimm dort ...
Und beginnt eine Tirade über alle Missstände, von Gesundheit, Schule, Infrastruktur.
Ich (geduldig zuhörend): Und das soll so bleiben?
Er: Nein, natürlich nicht ...
Ich: Aber?
Er: Er wisse schon, dass die Lage beschissen sei. Habe er ja gerade gesagt. Aber (once more ;-)) das mit der Ukraine.
Ich: Was? Dass die sich wehren gegen die Russen? Würde ich hoffentlich in einem vergleichbaren Fall auch tun. Und er als ungarischer Patriot - würde er nicht auch?
Er: Ja, sicher, schon ...
Ich warte auf das obligatorische "aber" ...
Er: Es sei halt schwierig. Gäbe er ja zu ...
Ich: Was ist schwierig?
Er: Naja, die Ungarn seien halt ein wenig anders - wegen der Ausländer.
Ich: Und das finde er gut? Sollten das alle machen?
Ihm dämmert, dass er als Ausländer in Österreich jetzt in Argumentationsnotstand gerät.
Ich: Wie wär' das? Bessere Gesundheitsversorgung, weniger Korruption, bessere Infrastruktur und irgendwo in Budapest dafür eine Moschee. Klingt doch nach einem guten Deal ...
Er: Er wisse ja noch gar nicht sicher, was er am Sonntag wählen werde ...
Ich: ...
Pause
Ich: Alles nicht so wichtig. Aber mal ganz kurz drüber nachdenken, ob ihr den Scheißtypen, der euer (sogar unser) Geld verbrät, nicht doch in die Wüste schicken solltet. Und auch darüber, ob ein paar aufgenommene Syrer tatsächlich den Weltuntergang bedeuten. Oder ob es nicht völlig hirnrissig und abwegig ist zu behaupten, dass die Ungarn auf Seite der Ukrainier gegen die Russen werden kämpfen und sterben müssen. Und dass Schwule, die man schwul sein lässt, Schuld an der Gesundheitsmisere sind.
(Er hatte vorher geklagt, dass er für seine Tochter, die an irgendeiner relativ seltenen Krankheit leidet, keine vernünftige Behandlung erhält, sogar erwogen, sich in Ö anzumelden, um irgendwie in den Genuss des öst. Gesundheitssystems zu kommen.)
Und was, wenn es einen guten, schwulen, muslimischen Arzt gäbe, der dann seine Tochter behandeln würde? Ob das nun wirklich so furchtbar sein?
(Ok, ich kann auch Polemik - und manchmal meine ich dazu berechtigt zu sein ...)

Ich weiß nicht, was er heute wählt. Vermute Orban. Aber dieses Verhalten, diese Argumentationen sind kein ungarisches Spezifikum, mutatis mutandis habe ich solche Unterhaltungen mit FPÖ-Wählern genau so geführt. Eine FPÖ, die mehr Korruptionsfälle als jede andere Partei hat, die aber für den "kleinen, ehrlichen Mann" (Frau wird ein bisschen außen vor gelassen) zu kämpfen vorgibt, eine "Saubermannpartei" ist. Die ein ganzes Bundesland in den Bankrott getrieben hat und dann auf den so verachteten öst. Staat zurückgreifen musste, um diesen Bankrott zu verhindern. Die Trump und Putin hofiert, die beide bekannt sind für ihre kriegsverachtende, menschenfreundliche Politik, für hohe Sozialstandards, für das "Sich-Kümmern" um diesen so furchbar bedrängten Bürger, dem vom Establishment, den muslimischen Einwanderungshorden so übel mitgespielt wird. Tiefer Seufzer ...