Bibelglauben, Religion und die Folgen: Weshalb es nicht egal ist, was einer glaubt!
Als Antwort auf die Diskussion hier und weshalb man sich lieber nicht auf sein Christentum berufen sollte, wenn man Mitgefühl mit den Opfern des Anschlages beim CSD in Berlin ausdrücken will:

Genau, die Bibel ist "von Menschen zusammengewürfelt". Alles das ist eben nur dann ein Problem, wenn ich auf die seltsame Idee komme, dass die Bibel göttlich, in ihr ein für immer gültiger Moralkodex zu finden sei. Niemand hat mit dem Gilgamesch-Epos, mit Hesiods Theogonie ein Problem, weil das dort Erzählte, Beschriebene unseren Wertvorstellungen nicht entspricht. Niemand ist auch nur im entferntesten davon überrascht, das dem so ist. Außer man wäre ein "Hesiodist" und hielte alles, was er niedergeschrieben hat, für verbindlich und gültig für alle Zeiten.

Dass die Bibel frauen- und schwulenfeindlich ist, ist gewissermaßen selbstverständlich: Die Sozialstrukturen waren gänzlich andere, Fortpflanzung enorm wichtig (immer wieder ist die Rede davon, das "erwählte" zu einem "großen Volk" zu machen und die Prophezeihung von Kinderreichtum gilt als ultimative Belohnung). Nur wenn ich aber auf die seltsam verschrobene Idee komme, dieses Buch als Richtschnur für mein Verhalten zu betrachten, jede Kritik an ihm ausschließen muss (es ist ja göttlich und wer wollte mit einem Gott rechten), so entstehen so seltsame Diskussionen wie diese hier: Dass jemand sich auf sein Christ-Sein bezieht, um Mitleid für Opfer auszudrücken, von denen sein Gott (bzw. dessen Gesandte) so rein gar nichts halten.

Dabei muss etwa Blume (den ich, so weit ich ihn über sein Schreiben kenne, definitiv nicht für homophob halte, der ganz sicher aufrichtiges Bedauern über diesen Anschlag verspürt) dieses sein echtes Mitgefühl mit seinem Glauben irgendwie in Einklang bringen (wobei er wahrscheinlich weiß, dass das nicht möglich ist). Deshalb diese seltsamen Rösselsprünge, das offenkundig Paradoxe in all dem: Nicht bereit, einen (wahrscheinlich liebgewordenen) Kindheitsglauben preiszugeben, versuchen Christen wie er über exegetische Purzelbäume dem Christentum eine tolerante Haltung zu unterstellen (wobei: Je umfangreicher ein Buch, desto leichter kann ich absolut _alles_ belegen) und reagieren meist verschnupft bis gar nicht, wenn man ihnen diese kognitive Dissonanz vor Augen führt.

Ich verstehe das aus menschlicher Sicht durchaus: Es gibt keine Verteidigung. Der Gott der Bibel ist grausam, eifersüchtig, frauen- und schwulenfeindlich - und man ist als Christ auch einem gewaltigen sacrificium intellectus verpflichtet: Ich _muss_ an die Wiederauferstehung glauben, an ein jüngstes Gericht, an den Teufel (dem Papst Franziskus durch seinen Einsatz für den Exorzismus zu neuen Ehren verholfen hat), an Jungfrauengeburt und den ganzen anderen Galimathias. Das ist verbindlich, nichts, was ich mir - so ich mich als Christ bezeichne - irgendwie aussuchen kann.

All das lässt sich weder in moralischer noch intellektueller Hinsicht irgendwie rechtfertigen: Jede Zurückweisung des Wunderglaubens würde das Christentum seines Kerns berauben (ohne Wiederauferstehung geht's nicht). Und ich kann mir auch nicht selektiv ein paar Ethikregeln rauspicken und andere verwerfen: Will ich damit sagen, dass der liebe Gott halt mal - wie jeder andere - einen schlechten Tag gehabt hat beim Diktieren? Es geht einfach nicht, ein moralisch und intellektuell integrer Mensch muss an dieser Quadratur des Kreises scheitern.

Und selbst das wäre auch noch egal - aber weil die Bibel eben sehr viel öfter von Grausamkeit denn von Mitgefühl spricht, fühlen sich Gläubige jedweder Couleur berufen, für ihre Verbrechen sich göttliche Legitimation zu verschaffen. Was problemlos funktioniert: Die Attentäter von 9/11 haben sich explizit auf Isaaks Opferung durch Abraham berufen, Christen fordern (zu Recht, wenn man die biblische Rechtsgrundlage ansieht) die Todesstrafe für Homosexuelle usf. Deshalb ist dies keine Petitesse, kann und sollte nicht mit einem "man kann halt nicht immer rational sein" übergangen werden: Weil die Folgen noch heute katastrophal sind. Die unzähligen Toten durch die Verdammung von Verhütungsmittel durch Johannes Paul II.: Millionen, die an Aids starben, verursacht durch die intransigente, dumme und einfach nur als verbrecherisch zu bezeichnende Haltung dieses Mannes, der sich auf ein tausende Jahre altes Buch berief. Deshalb ist es nicht egal, ob man einen solchen Glauben vertritt, verteidigt: Das ist kein "jeder nach seinem Geschmack" wie bei der Auswahl der Inneneinrichtung. Es hat Folgen - und für manche sind diese Folgen tödlich. Wie etwa beim CSD.