Immer, wenn irgendwer in unseren Gefilden die obigen Worte vom "Existenzrecht" in den Mund nimmt, meist mit ernster, aufgeschlossener Miene, damit zum Ausdruck bringen wollend, wie sehr er das tiefe Unrecht fühlt, das den Juden hierorts angetan wurde und wie groß der Abscheu ist über die vergangenen Gräueltaten, - immer dann beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Ein bisschen moralinsauer will mir dieses Bekenntnis erscheinen und auch billig im eigentlichen Wortsinne - denn solch ein Zugeständnis kostet nichts, hingegen kann man auf ein wenig moralischen Kredit hoffen ohne viel Aufwand. Mit breiter Brust wird da den verfolgten Semiten ein Recht zugestanden - aber mit welchem Recht?
Ein Blick zurück, in die Geschichte. Das hochgelobte und vielgerühmte christliche Abendland, das zu erhalten und zu bewahren sich jetzt wieder all jene anschicken, denen ich nicht des Abends allein begegnen möchte (der mitgeführten Baseballschläger wegen), kann auf eine lange Tradition der Judenverfolgung zurückblicken. Dabei ist das Epitheton "christlich" hervorzuheben: Ohne dasselbe wäre das, was sich schließlich im 1000jährigen Reich ereignete, kaum möglich gewesen. Pogrome, Verbrennungen, Verfolgungen aller Art waren überall en vogue: Weder die russisch-orthodoxe Kirche noch Protestanten oder gar Katholiken wollte auf die Pflege dieses Brauchtums verzichten. Bis der österreichische Postkartenmaler im letzten Jahrhundert die deutsche Gründlichkeit entdeckte und das mit der Ausrottung ein wenig übertrieb und dieselbe mit industriell-effizienter Maschinerie durchzuführen sich anschickte: Weshalb die damit direkt und indirekt Befassten post festum so etwas wie ein schlechtes Gewissen beschlich.
Wobei - neben diesem Brauch mit der Judenverfolgung hat das Christentum auch eine andere, wesentliche Eigenschaft in unserer christlich-abendländischen DNA hinterlassen: Die hohe Kunst der Heuchelei. So ein schlechtes Gewissen vermag dem rechtschaffensten Menschen den Tag zu verderben, dass wusste man christlicherseits schon lange vor Freud. Weshalb man es institutionell zu beseitigen beschloss: Indem man die eigenen Vereinsmitglieder autorisierte im Namen des lieben Gottes diese Gewissensqualen von den sündhaft beladenen Schulter des Delinquenten zu nehmen. Da aber nichts auf dieser Welt umsonst zu sein pflegt und schon gar nicht gratis, ließ man sich diese Dienste allenthalben gut bezahlen - und so nebenher ward man auch informiert über so manch Abgründiges, das die Schäflein bedrückte. Und Information, gesammelte Daten - das ist immer auch ein Stückchen Macht - was man nicht erst in Zeiten von Google und Facebook entdeckte.
Also - schlechtes Gewissen und Heuchelei. Und Hinwegnahme der Sünden, Wiedergutmachung auch (das ist so angedacht bei der Sache des Beichtens) als auch der aufrichtige Vorsatz, fürderhin auf ähnliche Untaten Verzicht zu leisten. Weshalb man nun (im Grunde ganz gleich wie der oben erwähnte Postkartenmaler) nach einem Ort suchte (Madagaskar schied diesmal aus, auch abgelegene osteuropäische Gefilde des blöderweise verlorenen Krieges wegen), der den so übel mitgespielten jüdischen Mitbürgern als neue Heimstatt dienen könnte. Man hätte nun Tirol vorschlagen können, Sachsen oder Baden-Württemberg (schon deshalb, weil das meiste Unheil von Bewohnern dieser und anderer deutschprachiger Regionen ausgegangen war), aber man will es ja auch nicht übertreiben mit der Wiedergutmachung und den erwartbaren Kosten und Problemen. Weil es - leider - in den erwähnten Gebieten eine autochthone Bevölkerung gibt, auf deren Zustimmung man nicht wirklich hätte rechnen können. Und weil die Juden nun ohnehin schon zuvor ein "Heiliges Land" ausfindig gemacht hatten, in dem zu wohnen ein kleiner Teil von ihnen als göttliche Bestimmung ansah (etwas, das mit den Ansichten der Christen völlig übereinstimmt, ist doch ohne eine Heimkehr nach Jerusalem und Umgebung kein himmlisches Reich zu erwarten), weil also sowohl Täter als auch Opfer bezüglich der Örtlichkeit des neu zu gründenden Staates einer Meinung waren, wurde es beschlossene Sache: Das "Heilige Land" der Bibel sollte neue Heimstatt werden.
Dass dort schon jemand wohnte, lebte seit 2000 Jahren, hat die um ihr Gewissen besorgten Europäer ebensowenig bekümmert wie weiland Hitler das Schicksal der Madegassen (damit hätte ihm wohl einer kommen sollen, dass die "Eingeborenen" auf jener Insel "auch" Menschen seien: Dem hätte der Gröfaz alsbald die Leviten gelesen). Außerdem hatte man sich zuvor schon ein wenig eingekauft: Immerhin 8 % der dem neuen Staat zugeteilten Fläche war in jüdischem Besitz (wobei: Erworben meist nicht von jenen, die dort lebten und arbeiteten, sondern von reichen Arabern, die den weniger Betuchten diese ihre Gründe verpachteten; der palästinensische Bauer vor Ort hat da nichts mitzureden).
Das also kommt mir in den Sinn, wenn da jemand mit beispielloser Grandezza von dem "Existenzrecht Israels" spricht im Brusttone hoher Moralität und ethischer Unangreifbarkeit. Man drangsaliert, verfolgt und ermordet seine Mitbürger über Jahrhunderte und gesteht denen dann zu, doch irgendwie auch leben zu dürfen: Allerdings nicht in ihrer Nähe, sondern man gewährt ihnen generös ein Land, das von anderen bewohnt wird. Wobei - was denn, wer treibt sich denn dort rum in den Wüstenregionen außer ein paar unzivilisierten Kameltreibern? Alle kann man nicht fragen, wenn man im Begriffe ist, endlich Gutes zu tun, sie können ohnehin dort bleiben, wenn auch nur als Bürger zweiter Klasse und mit eingeschränkten Rechten. Und wem das nicht passt - es gibt so viel Wüste und so viele Araber dort in der Gegend, sie können ja auch zu ihren Verwandten nach Syrien, Jordanien oder Ägypten ziehen. Sollen sich mal nicht so anstellen.
Nun bin ich mir durchaus bewusst, dass das Kind fast 80 Jahre nach Gründung des Staates Israel längst in den Brunnen gefallen ist, dass man diesen Staat ebensowenig rückabwickeln kann wie den Holocaust oder den Zweiten Weltkrieg rückgäng machen. Aber man könnte durchaus verlangen, dass sich dieser auf unserer Großherzigkeit errichtete Staat an das Völkerrecht hält, an UNO-Konventionen, wie man das zurecht auch von allen anderen (ja, oftmals vergebens) einfordert. Man könnte die Israelis daran erinnern, dass ihr Staat ein Apartheitsregime (das letzte hochoffizielle) ist, dass das Westjordanland nie Teil des neugeschaffenen Staates sein sollte (wie der Gazastreifen und die Golanhöhen), dass es schlicht nicht angeht, den Palästinensern ihr Land nach Belieben wegzunehmen, sie zu vertreiben, zu töten. Das gehört sich einfach nicht und steht einer Regierung, die sich auf Rechtsstaatlichkeit beruft, nur schlecht an.
Aber die Hamas, die Hisbollah, überhaupt die ganzen Araber dort in der Gegend und dann auch noch die Iraner: Das sind doch auch keine Waisenknaben, die wollen denen an den Kragen, wollen den ganzen Staat auslöschen. Sic, das ist durchaus so. 1948 glaubte man sich arabischerseits in der Lage, diesen lästigen Pickel instantan entfernen zu können (wobei nochmal daran erinnert sei: Hätten nicht auch die Tiroler Schützen zu den Waffen gegriffen, wenn man zwischen Arlberg und Hohen Tauern einen Staat ausgerufen hätte, in dem die Tiroler noch nicht mal vollwertige Staatsbürger gewesen wären?) - und wiederholte diese Versuche (vergeblich) ein ums andere Mal. Und als sich die Machtverhältnisse geändert hatten, meinten nun die Israelis das ausnützen zu müssen: Die Besetzung des Westjordanlandes ist die Ursünde schlechthin. Im Grund alles höchst menschlich: Wer einen Vorteil zu haben scheint, wer glaubt, den anderen einigermaßen ungestraft den Schädel einschlagen zu können, tut dies mit Inbrunst und Hingabe - nicht bedenkend, dass sich die Machtverhältnisse auch mal wieder ändern können und überhaupt ein solches kurzfristiges Denken den Konflikt in alle Zukunft hinein verlängert.
Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbrüderschaft: Gegründet 1987 anlässlich der ersten Intifada. Will sagen: Diese Gründung erfolgte nicht bloß aus Jux und Tollerei, weil da ein Arzt und ein Apotheker sich langweilten und einen Verein ins Leben zu rufen beschlossen. Dito bei der Hisbollah: Sie waren eine Reaktion auf die Besetzung des Libanons durch israelische Truppen 1982. Und ja - auch dieser Einmarsch hatte eine Vorgeschichte und die Vorgeschichte eine weitere Vorgeschichte. Je nachdem, wo man gerade anhält, wird man auch einen Schuldigen auszumachen wissen. "Er hat angefangen" - "aber er hat zuerst" usf. ad infinitum. Mittlerweile hat man sich von jedem für beide Seiten auch nur einigermaßen akzeptablen Grundkonsens entfernt: Und gerade Netanyahu bemüht sich (aus höchst egoistischen Motiven, denn mit einem Fuß steht er im Gefängnis) um weitere Eskalation, um das Schaffen von Tatsachen, die jede Art von Befriedungsversuchen von vornherein scheitern lassen müssen. Bei der Hamas ist die Situation nicht unähnlich: Frieden würde sie ihre Macht verlieren lassen, ihren Einfluss - sie lebt von der Unzufriedenheit der Palästinenser. Netanyahu und die Hamas brauchen einander für ihr ganz eigenes Existenzrecht - und wie eng diese Verbindungen tatsächlich sind, hat John Oliver
hier aufgezeigt.
Schon gerade deshalb wird keine Seite einen Schritt zurück machen: Und ein geistig völlig derangierter US-Präsident trägt auch nicht gerade zur Beruhigung der Lage bei. Ohne Zwei-Staaten-Lösung, ohne Achtung vor dem anderen, ohne eine Einhaltung von völkerrechtlichen Mindeststandards wird man einander weiterhin mit mehr-weniger großem Vergnügen umbringen. Angesichts der momentanen Weltlage, einer immer weiter um sich greifenden Idiotie, eines sich steigernden Größenwahns und einer Realitätsferne der maßgeblichen Personen, ist ein solch vernünftiger Minimalkonsens in weite Ferne gerückt (und möglicherweise müssen noch sehr viel mehr Menschen sterben, um ein Miteinanderreden auch nur denkbar zu machen).
Was mir aber wirklich sauer aufstößt (um zum Eingangsstatement zurückzukehren), ist das moralinsaure Gebaren all jener, die da mit ihrer Betroffenheitsmiene das Existenzrecht Israels, das der Juden an sich beschwören zu müssen glauben. Ein solches Recht besteht (schon aus ganz pragmatischen Gründen auch für den Staat Israel) - und für jeden Menschen ohnehin. Aber wenn ausgerechnet Österreicher oder Deutsche meinen, sich für dieses Existenzrecht Israels mit Nachdruck und moralinsaurer Betulichkeit stark machen zu müssen, sollten sie sich daran erinnern, wie viel Heuchelei darin steckt. Zuerst ein Volk (fast) auszurotten und dann ihm in einem Land, irgendwo weit weg, großzügig das zu gewähren, was man ihm über Jahrtausende in der eigenen Nachbarschaft versagt hat. Bestrickende Methode: Ich malträtiere meinen Mitmenschen und besänftige anschließend mein Gewissen dadurch, dass ich die Wiedergutmachung dem Typen von nebenan übertrage - ohne ihn zu fragen. Und brüste mich daraufhin mit meiner Großherzigkeit, die wahrlich wohlfeil war.